Seitenwechsel

Seitenwechsel

Meine Mutter ist 90 Jahre alt und pflegebedürftig. Sie lebt mit meinem Stiefvater in ihrem Haus und noch funktioniert das. Meine Schwägerin und ich teilen uns die Versorgung meiner Eltern: ein fragiles, aber noch funktionierendes System. 

Dann musste meine Schwägerin für einige Tage verreisen. Ich nahm meinen Anspruch auf Pflegezeit in Anspruch und ließ von meinem Arbeitgeber für eine Woche freistellen Dann trat ich ein wenig aufgeregt meinen neuen Job an: Morgens meiner Mutter beim Anziehen und Waschen helfen und sie die Treppe hinunter begleiten, die Tabletten stellen, die nötige Hausarbeit machen: Bettenmachen, Mülleimer leeren, Lüften, Waschen und Wäsche legen. Dann diese oder jene Erledigung machen: Mal funktionierten die Hörgeräte nicht und mussten zum Akustiker gebracht werden, dann musste ein Medikament bestellt und das Rezept abgeholt werden. Telefonate mit dem Pflegedienst, Post- und Bankgeschäfte erledigen. Den Eltern etwas zu Mittag kochen und bringen oder einen Lieferservice beauftragen. Einkaufen und ein wenig Gartenarbeit machen. Ja, und dann schlichten. Denn meine Mutter hört kaum noch und ihr Mann ist durch einen Schlaganfall in seiner Sprachfähigkeit stark eingeschränkt. Er möchte dann etwas sagen und heraus kommen andere Wörter. Wenn man weiß, was er sagen will, funktioniert die Verständigung. Und es braucht eine gute Portion Phantasie und Einfühlungsvermögen, um sich mit ihm unterhalten zu können. Wenn jedoch – wie im Fall meiner Mutter – eine fortschreitende Demenz diese Fähigkeiten erheblich eingeschränkt hat, wird Kommunikation zum Minenfeld. So gehörte auch das Vermitteln, das Erklären, das Wecken von Verständnis und Nachsicht zu meinen vordringlichen Aufgaben. Abends fuhr ich dann zum dritten oder vierten Mal mit dem Fahrrad die Dreikilometerstrecke zum Haus meiner Eltern und brachte meine Mutter die Treppe hinauf, half ihr beim Ausziehen und Waschen. Zunehmende Müdigkeit wurde während dieser Woche mein ständiger Begleiter. Ich kam zu spät ins Bett kam und musste zu früh aufstehen. Denn mein Mann musste früh zur Arbeit und mein Sohn zur Schule. Das Versorgen meiner Eltern machte mir aber auch Spaß. Es machte mich zufrieden, weil ich etwas sinnvolles tat und die Freiräume während des Tages erinnerten mich an die Zeit meiner beruflichen Selbstständigkeit. Doch es war sehr anstrengend und ich war schnell erschöpft. Vielleicht war es die Tatsache, dass ich in meiner Rolle als Tochter dort war. Wenn meine Mutter sich beschwerte “Mir sagt ja keiner was!” fühlte ich mich persönlich angegriffen und wollte mich verteidigen, statt mich daran zu erinnern, dass meine Mutter Dinge einfach sehr schnell vergisst. Und auch das Konfrontiertwerden mit dem Altwerden ließ mich nicht kalt: wie alle Fähigkeiten nachlassen und der Hilfebedarf immer größer wird. Wenn es meiner Mutter kaum gelang, das Essen in den Mund zu befördern und die Körperhygiene zur schier unlösbaren Aufgabe wird, die Traurigkeit und Verzweiflung, die ich bei ihr immer öfter beobachtete, wenn sie realisierte, wie ihre geistigen Kräfte schwinden und sie die Kontrolle verliert. “Alt werden ist nichts für Feiglinge” habe ich oft gehört und selber oft scherzhaft zitiert. Doch was ist mit den Feiglingen? Auch die werden alt – ob sie wollen oder nicht. 

Ja, und dann kam der letzte Tag meines Seitenwechsels. Ein neues Medikament zum ersten Mal eingenommen und das Unglück nahm seinen Lauf. Ein Anruf von meinem Stiefvater. Drei Worte. “Frau. Schwierigkeiten. Popo.” Ich wusste sofort, was er meinte. Ich bin sofort losgeradelt. Und fand ein Desaster vor. Übelkeit, Durchfall, eine riesen Sauerei. Ich habe meine Mutter gewaschen und neu eingekleidet, alles geputzt, Müll entsorgt und die Waschmaschine angeschmissen. Und dann den Pflegedienst angerufen. Ob sie es vielleicht einrichten könnten, schon heute zu kommen und meine Mutter zu duschen – statt, wie geplant, erst morgen. Und dann kam wenig später eine gut gelaunte Pflegerin, die eigentlich hatte Feierabend machen wollen und die extra Tour noch drangehängt hatte. Ich hätte sie umarmen mögen. Die betonte auch noch, dass sie das gern mache, kannte sich aus und brachte eine halben Stunde später meine frisch geduschte und erschöpfte Mutter zurück ins Wohnzimmer und begleitete sie zu ihrem Fernsehsessel, wo sie gleich darauf einschlief.

Ich arbeite in der Öffentlichkeitsarbeit bei einem christlichen Träger sozialer Einrichtungen. Ein Schwerpunkt des Unternehmens ist die Pflege und Betreuung von Senior*innen. Ich bin gut darin, locker flockig über das Leben in den Einrichtungen zu berichten. Nun kenne ich ein bisschen besser die anderen Seite und bin dankbar für diese Gelegenheit des Seitenwechsels.

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